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Die Perspektive des lebenden Pfades

Papier und Tastatur sind geduldig, heißt es. Man kann natürlich bei Geschriebenem oder Gedrucktem in etwa ahnen oder erspüren, wes Geistes Kind der Autor ist. Aber letztlich zählt nur, ob man innerlich dazu in Resonanz kommt, ob etwas im Inneren angesprochen wird. Bei einer persönlichen Begegnung, zum Beispiel in einem der Zentren der Geistesschule, wird der Funke überspringen oder nicht. Man spürt, ob Menschen, denen man dort begegnet, authentisch sind, ob sie sind, was sie sagen. Das zu prüfen ist die Aufgabe all derer, die sich der Geistesschule nähern.

Dies wird in einem Text junger Schüler in der Schule des Rosenkreuzes erläutert.

„Innerlich keine Trennung vornehmen

Unser Schatz ist keine Philosophie. Es ist unser inneres Licht, unser inneres Begreifen, warum wir eine kleine Welt genannt werden, und wie wir dadurch imstande sind, uns wieder mit der göttlichen Welt zu verbinden.

Der stille Gefährte

Ziel der Sprache der Schule ist es nicht, über etwas Unbestimmtes, weit Entferntes zu sprechen, sondern eine Perspektive zu geben – die Perspektive des lebenden Pfades – , so dass der Zuhörer sich dieser Perspektive nahe fühlt, weil das Göttliche selbst näher ist als Hände und Füße.

Die Botschaft wird nur dann wahr sein, wenn sie selbst den Geist enthält, von dem wir sprechen, und dadurch im Empfänger denselben Geist aufruft, die Verbindung mit dem innerlichen Göttlichen.“

Kalender-Spruch Juni 2016

„Wer macht, was sein Vater nicht gemacht hat, wird sehen, was sein Vater nicht gesehen hat“.

(Aus Afrika)

Aussicht in Island
Exponierte Fernsicht (Island)

Wenn Kinder erwachsen geworden sind und das Elternhaus verlassen haben, beginnen sie eigene Wege zu gehen. Äußerlich betrachtet unterscheidet sich ihr Lebensweg meistens von dem des „Vaters“. Die Zeiten haben sich verändert. Jede Generation beeinflusst den Zeitgeist und wird von ihm geprägt.

Innerlich leben die „Kinder“ oft in der Tradition des Elternhauses weiter, zum Beispiel hinsichtlich der Wertvorstellungen, der Weltanschauung und des Glaubens.

Es gibt auch „Kinder“, die im Lauf des Lebens innerlich die Ahnung von etwas Größerem verspüren, das weit über die persönlichen Gegebenheiten hinausreicht. Etwas, was sich unabhängig von ihrem äußeren Leben entfalten will. Der Wunsch nach Erneuerung des eigenen Lebens wird spürbar und die Suche nach dem ganz Anderen beginnt. Was kann  diese Sehnsucht stillen? Das Gesetz der Resonanz führt diesen Menschen zu einem spirituellen Quell, der mit der Qualität der Sehnsucht übereinstimmt. So beginnt eine Art Doppelleben, wobei das äußerliche Leben allmählich zurücktritt und der geistige Weg für die Lebensgestaltung bestimmend wird.

Wer einen spirituellen Weg beschreitet, „sieht“ Dinge, die sein „Vater“ nicht gesehen hat.

Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) formuliert den afrikanischen Spruch positiv:

„Man muss Neues machen, um etwas Neues zu sehen“.

Natürliche und göttliche Intuition

Natürliche Intuition

Es gibt für mich im Alltag zwei Möglichkeiten, wie ich an eine äußere Situation oder Anforderung herangehe:

  • entweder ganzheitlich, spontan; typisch für die Funktion der rechten Hirnhälfte; oder
  • analytisch, planmäßig, strukturiert, was der Funktion der linken Hirnhälfte entspricht.

Der Begriff „Intuition“ beschreibt die erste Möglichkeit der Herangehensweise, während die zweite Art mit „Rationalität“ gekennzeichnet werden kann.

Gesicht IntuitionIntuition steht demnach im Gegensatz zu einem Handeln, dem ein systematischer, bewusster und linearer Denkprozess vorausgeht. Sie ist für mich eine Aktion, ohne vorherige Reflexion, ein spontanes Handeln aufgrund eines unmittelbaren, empfindungsmäßigen, mehrdimensionalen Erfassens. Das Wesentliche (z.B. einer Situation, eines Menschen) wird von innen gleichsam erspürt. Es ist ein inneres, ätherisches Wahrnehmen einer äußeren Realität und ein Handeln daraus. Der Kontext ist eine bestimmte geistige oder moralisch-ethische Grundhaltung.

Der Verstand kann in diesem Geschehen eine dienende, unterstützende Funktion einnehmen, kann aber auch als störende, hemmende Kraft wirken.

Auf der Ebene der Persönlichkeit erleben wir also ein Erkennen und Handeln im Spannungsfeld von ganzheitlich/spontan und analytisch/systematisch.

Göttliche Intuition

„Göttliche Intuition“ ist für mich die Erfahrung einer „inneren Stimme“. Sie teilt sich der Persönlichkeit mit, ist aber nicht Teil der Persönlichkeit. Sie kann als ein plötzliches inneres Erkennen, als ein blitzartiges Erleuchtetsein, das aus dem tiefsten Wesen des Menschen auftaucht, erlebt werden. Sie schenkt Einsichten und Antworten auf suchende Fragen, die den inneren Weg betreffen. Sie zeugt von einer Dimension im Menschen, die außerhalb und unabhängig von seiner zeiträumlichen Natur existiert.

Neben diesen meist selteneren, sich deutlich abhebenden kurzen Momenten kann sich diese Stimme sehr leise, z.B. als eine innere Resonanz beim Lesen gnostischer Texte und bei Tempeldiensten oder als innere Führung bezüglich des nächsten Schrittes auf dem Pfad und auch als warnendes „Stopp“ in Augenblicken der Versuchung melden.

Intuition in diesem Sinne ist vor allem im Herzen erfahrbar und führt zur Glaubensgewissheit und innerer Klarheit bezüglich des spirituellen Weges.

Vergleich

Natürliche Intuition im Alltag hat als Basis das Ich, das bestimmte Absichten und Ziele verfolgt. Akteur ist die Persönlichkeit. Das Handeln daraus dient der Bewältigung des persönlichen Lebens.

Göttliche Intuition kommt aus dem tiefsten, unbegrenzten Wesen des Menschen und setzt eine suchende, das Ich negierende Lebenshaltung voraus. Akteur ist das Göttliche Wesen im Menschen. Ein Handeln daraus dient dem Weg der Befreiung des Mikrokosmos aus der natürlichen, d. h. vergänglichen  Natur.

[Frau G.]